Archetypen und Tarot

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Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung machte folgende Beobachtung: es scheint so, dass es gewisse Veränderungen gibt, welche alle Menschen, egal welcher Kultur sie entstammen, in ähnlicher Form durchmachen. In allen Kulturen, in allen Zeiten, tauchten dieselben Themen immer wieder auf.

Jung nannte diese immer wiederkehrenden Themen Wandlungsarchetypen, den Träger dieser archetypischen Bilder und Symbole im Menschen das kollektive Unbewusste, und das Durchmachen solcher Wandlungen den symbolischen Prozess.

In seinem Buch "Archetyp und Unbewusstes" schreibt Jung am Ende des Kapitels "Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten":

Wenn man sich vom symbolischen Prozess ein Bild machen will, so sind dafür die alchemistischen Bilderserien gute Beispiele [...]. Treffende östliche Beispiele sind das tantrische Chakrensystem oder das mystische Nervensystem des chinesischen Yoga. Es hat auch allen Anschein, als ob die Bildserien des Tarot Abkömmlinge der Wandlungsarchetypen wären, [...]

Der symbolische Prozess ist ein Erleben im Bild und des Bildes.  Sein Fortgang zeigt in der Regel [...], wie der Text des I Ging, [...] einen Rhythmus dar von Negation und Position, von Verlust und Gewinn, von Hell und Dunkel. Sein Anfang ist fast stets charakterisiert durch eine Sackgasse oder sonstige unmögliche Situation; sein Ziel ist, allgemein ausgedrückt, Erleuchtung oder höhere Bewusstheit, wobei die Ausgangssituation auf einer höheren Ebene überwunden wird. Der Prozess kann sich, zeitlich zusammengedrängt, in einem einzigen Traum oder in einem kurzen Erlebnismoment darstellen, oder aber sich über Monate und Jahre erstrecken, je nach der Art der Ausgangssituation des Individuums, das im Prozess begriffen ist, und des zu erreichenden Ziels. [...] Obschon zunächst alles im Bilde, das heisst symbolisch, erlebt wird, handelt es sich doch keineswegs um Pappdeckelgefahren, sondern um sehr wirkliche Risiken, an denen unter Umständen ein Schicksal hängen kann. Die Hauptgefahr besteht in einem Unterliegen unter den faszinierenden Einfluss der Archetypen, was dann am ehesten eintreten kann, wenn man sich die archetypischen Bilder nicht bewusst macht.

(Alle kursiven Abschnitte druckte auch Jung kursiv.)

Für unser Spiel mit dem Tarot bedeutet das, in meinen Worten:

  • Wir haben immer wieder symbolische Prozesse durchzulaufen, und das Tarot kann uns ein Hilfsmittel sein auf diesem Weg.
  • Wie im symbolischen Prozess hat jede einzelne Karte des Tarot  für sich eine negative und eine positive Seite, spricht von Verlust und Gewinn, ist hell und dunkel. Schauen wir nur eine Seite an, durchbrechen wir den Rhythmus, den Jung beschreibt, und stoppen den symbolischen Prozess. Viel besser noch: schauen wir eine bestimmte Karte an und sehen von ihr nur eine Seite statt zwei, dann haben wir schon einen Hinweis darauf, was uns in unserer Wandlung gerade blockiert!

    Es gibt eine Praxis im Tarot, in der berücksichtigt wird, ob eine Karte richtig herum oder auf dem Kopf stehend gezogen wird: dann gelte jeweils nur die helle oder die dunkle Seite. Man hört auch öfters, jeder solle mit Tarot so arbeiten, wie es ihm selber gefällt. Ich teile diese Meinung nicht und halte es für sehr gefährlich, den Zufall die Kartenbilder auf nur eine Seite beschneiden zu lassen.

  • Immer muss man sich im Spiel mit dem Tarot bewusst machen, was man eigentlich gerade tut.  Wie Jung später im selben Text sagt, ist es gefährlich, unbewusst mit Archetypen umzugehen; solche archetypischen Bilder sind sehr stark, und wenn man sich ihrer nicht bewusst ist, können sie die Kontrolle über das Bewusstsein übernehmen.  Im Falle von Personen mit psychotischer Prädisposition kann dies so weit gehen, dass diese Personen von den Bildern besessen werden.

    Also: das selbstständige Spiel mit dem Tarot ist nur geeignet für Personen, die sich genügend bewusst halten können, was sie da eigentlich tun, und es kann enorm gefährlich sein für psychisch kranke Personen. 
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© 2006 Hanspeter Schmid