Symbole sind polar

zurück zur Philosophie
Auf der Seite Tarot und Archetypen schrieb ich: es hat jede einzelne Karte des Tarot  für sich eine negative und eine positive Seite, spricht von Verlust und Gewinn, ist hell und dunkel.  Hier möchte ich das noch genauer erklären.

Tarot-Bilder sind Symbole.  In der Umgangssprache verwenden wir aber das Wort Symbol nicht immer im selben Sinne.  Viele Leute würden sagen: folgendes ist ein Symbol für "Notausgang":

Notausgang

(Dieses Bild untersteht der GNU-Lizenz für freie Dokumentation)

Dabei handelt es sich hier aber nicht um ein Symbol in der engeren Bedeutung, sondern um ein Piktogramm oder, das ältere Wort, ein Idol.  Ein Idol ist ein Bild, das für genau etwas steht.  Ein Symbol hingegen ist immer polar, hat immer zwei Pole.

Es gibt ein weltberühmtes Symbol, welches man als Symbol schlechthin bezeichnen könnte: das Tai Chi, das meist Yin-Yang genannt wird, weil es das Zusammenspiel der Kräfte Yin und Yang zeigt.  Wenn Sie nun folgendes Bild anschauen, dann stört Sie sicher etwas:

Halbes Tai Chi

Es schmerzt fast, wenn nur das Schwarze gezeichnet ist, das Ganze ist gar nicht rund, gar nicht vollständig. Also fügen wir besser das Weisse noch hinzu:

Tai Chi ohne Punkte

Besser, nicht wahr? Aber irgendwie ist das Ganze noch leer; das Weisse und das Schwarze sind beide nicht erfüllt. Das echte Tai Chi sieht so aus:

Tai Chi


Das drückt aus: zum Schwarzen gehört untrennbar das Weisse; im Weissen ist das Schwarze als Keim enthalten; im Schwarzen ist das Weisse als Keim enthalten; so entsteht fortlaufend das eine aus dem anderen.

Und so verhält es sich mit jeder einzelnen Tarotkarte. Wenn für Sie irgend eine Tarot-Karte nur schlecht ist oder nur gut ist, dann haben Sie einen Punkt gefunden, in dem Ihr eigenes Herz nur einseitig gereift ist und sich noch zur Ganzheit weiterentwickeln muss. Sehen Sie zwar beide Seiten, aber noch nicht, wie das eine durch das andere bedingt ist, dann ist das Symbol erst Ihrem Wissen, aber weder Ihrer Erfahrung noch Ihrer Weisheit verbunden.

Ein konkretes Beispiel: viele Leute sehen in der folgenden Karte nur Böses:

Der Turm

Der Blitz zerstört den Turm; die Leute fallen; das ist alles schrecklich. Was in diesem Symbol aber auch drin ist, das ist sowohl, dass der Turm vielleicht gar nicht gut gebaut war; dass dieser Fall noch rechtzeitig kommt bevor man noch höher gebaut hat und noch tiefer fällt; dass man später auf neuem Fundament nochmals einen anderen, besseren Turm bauen kann. Auch dass überhaupt Türme gebaut werden können. Das ist die positive Seite.

Und die Punkte im Tai Chi: Was immer man aufbaut, das wird irgend einmal zerfallen: so ist schon im Aufbau der Fall als Same enthalten. Wann immer etwas zerstört wird oder zusammenfällt, ist es in der Natur des Menschen, wieder etwas aufzubauen: so ist schon im Fall der Wiederaustieg als Same enthalten. Das eine kann ohne das andere nicht sein.

Gerade dieses Turm-Beispiel ist ja in unser aller Gedächtnis: am 11.9.2001 haben Terroristen die Zwillingstürme des World Trade Center zerstört. Das hat die USA sehr erschüttert, weil dort der Glaube vom Aufstieg ohne Fall immer noch verbreitet ist, und die Terroristen unübersehbar das Aufstieg-Fall-Symbol in die Stadt New York hineingemordet haben. Sofort kam ja dann der amerikanische Ruf nach Wiederaufbau. Am selben Tag sagte auch eine Frau zu mir im Zug: "Die Amis sind ja irgendwie selber schuld, weil sie so hoch hinauswollten auf der Welt, und das mit den falschen Methoden ..."; eine Ansicht, die mir immer wieder über den Weg lief und die ich sogar eine Zeit lang teilte. Ich hoffe, es ist aus dem Zusammenhang heraus klar, dass ich hier keinesfalls ein Werturteil über Europa und Amerika abgeben wollte. Was ich mit dieser Anekdote zeigen wollte, ist wie solche Archetypen eine enorme Eigendynamik entwickeln können und fast zu leben anfangen, und Leute und Länder in einen richtigen Strudel ziehen können.  Im Kreis herum, wie das Tai Chi eben ...
zurück zur Philosophie
© 2006 Hanspeter Schmid